Acht Menschen, zwei Hunde, eine Lagoon 42
Ende September 2025 sind wir in Olbia gestartet, mit einer Lagoon 42, drei Familien, zwei Hunden und insgesamt acht Leuten an Bord. Ja, das ist auf 42 Fuss eher kuschlig. Es funktioniert trotzdem erstaunlich gut, wenn man sich mag – und wenn genug Alkohol an Bord ist.
Für uns war dieser Törn etwas Besonderes: Zum ersten Mal war unser Hund Bubbles dabei. Wir haben uns davor wahnsinnig viele Gedanken gemacht. Traut sie sich überhaupt an Bord, Finden wir immer eine Bucht fürs Pipi machen, Seekrankheit beim Hund, Stress bei Wellengang. Alles völlig unnötig. Bubbles hat das Ganze mit einer Ruhe durchgezogen, als wäre sie seit Jahren Bordhund. Für uns eine riesige Erleichterung. Und ein weiterer Haken auf der Langfahrt-Checkliste: Hund seetauglich? Ja.
Olbia – und der Duft von Abenteuer (und Katzenpisse)
Los ging’s am Samstag mit Proviantieren und Bootsübernahme in der Marina in Olbia. Klein, übersichtlich, hübsch. Die Lagoon 42 war technisch in gutem Zustand, alle Systeme liefen, Segel okay, Motoren sauber. Einziger Haken: Es roch im Salon nach Katzenpisse.
Kommentar des Mitarbeiters der Charterfirma:
«Oh, we have cats in the marina. One must have peed inside the boat.»
Danke, Captain Obvious.
Eigentlich ein No-Go, ein Boot so rauszugeben. Aber wir hatten gute Laune, gutes Wetter und zwei Hunde, die loswollten. Also Augen zu, Luken auf und am Sonntag Leinen los Richtung erster Stop.
Cala Portese – erster Badestopp, erstes Hundepipi an Land
Erster Schlag Richtung Cala Portese bei Caprera. Plan war Ankern. Realität war zweimal Ankern, zweimal nicht zufrieden. Am Ende haben wir uns die letzte freie Boje geschnappt.
Cala Portese ist perfekt, wenn man mit Hund unterwegs ist: kleiner Strand, kristallklares Wasser, super einfach mit dem Dinghy anlanden für Gassi-Runden. Genau das, was man nach dem ersten Tag braucht.
Weiter durchs La-Maddalena-Archipel
Am nächsten Morgen haben wir die Boje in Cala Portese gelöst und sind weiter zu einem Badestopp an einer Boje in Strammanari – einmal reinspringen, durchatmen, weiter Richtung Lavezzi. Zweites Ziel des Tages: Cala di Giunco auf der Île Lavezzi.
Dort haben wir für die Nacht geankert: rund 20 Meter Kette bei 4.5 Metern Tiefe – auch für unseren Gusto etwas zu wenig. Hält aber OK, solange es wettermässig ruhig bleibt und der Nachbar gleich wenig Kette draussen hat. Offenbar hatten unsere Nachbarn (nette Langfahrer aus Frankreich auf einer Nautitech) aber weit mehr Kette draussen als wir und waren deshalb nicht 100% glücklich, dass wir so nah an ihnen dran waren. Verstehen wir, ging aber leider nicht anders. Wir brachten proaktiv eine Flasche Weisswein rüber um die Wogen zu glätten. So entwickelte sich aus der anfangs angespannten Situation ein sehr nettes Gespräch. Und natürlich behielten wir über Nacht die Situation im Auge, um notfalls reagieren zu können.
Lavezzi ist speziell. Karge Felsen, türkisfarbene Becken, glattgeschliffene Granitblöcke, Wasser wie Glas. Das ist eine Insel, die man wirklich zu Fuss erkunden sollte. Es gibt einen kleinen Strand, wo man morgens oder abends mit dem Dinghy anlanden kann, solange die Ausflugsboote noch nicht da sind. Tagsüber wird es voll.
Wichtig: Diese eine weisse Boje direkt in der Bucht ist nicht «free for all», sondern für Ausflugsboote reserviert. Unsere Nachbarn haben sie trotzdem genommen. Fünf Minuten später kamen Park Ranger aus dem Nichts, haben sie weggeschickt. Keine Ahnung, wo die Ranger hergebeamt wurden. Aber sie waren da.
Spätestens um 10 Uhr morgens ist’s dann vorbei mit Idylle. Ein grosses Ausflugsboot legt an, Musik läuft, Lautsprecherdurchsagen, Schlauchboote karren Touristen im Minutentakt an den Strand. Wir haben beschlossen, das ist unser Zeichen zum Aufbruch.
Bonifacio – schön, teuer, laut, imposant
Am Dienstag ging’s weiter nach Bonifacio. Wir hatten zum Glück vorher via Navily einen Liegeplatz reserviert. Als wir in die Hafeneinfahrt kamen, war klar, wie nötig das war: Boote, die kreisen und warten, Funkkanal am Anschlag, leichte Hektik.
Stressmoment Nummer eins: Wir funken den Hafen an, keine Antwort. Stressmoment Nummer zwei: Wir warten eine halbe Stunde, treiben langsam in der Schlange hin und her, hoffen, dass der Wind nicht zunimmt. Offenbar normal dort.
Am Ende wurden wir doch noch vom Marinero reingeholt und sauber eingewiesen. Manövrieren im Fjordhafen von Bonifacio macht Eindruck. Und die Stadt selbst sowieso.
Bonifacio ist spektakulär. Diese alte Festungsstadt sitzt auf Kalkklippen über dem Wasser, Gassen, Restaurants, Blick Richtung Sardinien. Es ist wirklich sehenswert. Aber: 200 Euro Liegegebühr für eine 42-Fuss-Lagoon Ende September ist selbstbewusst.
Abends Stadtbesichtigung, Nachtessen, Hunde spazieren führen durch die Altstadt. Fazit: Bonifacio muss man gesehen haben. Aber Bonifacio nimmt auch gern dein Geld.
Rückweg vor dem Sturm
Mittwoch war klar: Da draussen baut sich Wetter auf. Also früh raus aus Bonifacio und zurück Richtung Sardinien. Ziel: Golfo Aranci.
Das war unser längster Schlag der Woche, rund 40 Seemeilen. Wenigstens die Hälfte davon konnten wir wirklich segeln und die Landschaft vom La-Maddalena-Archipel mitnehmen: Granitfelsen, Sandbuchten, dieses klare, an vielen Stellen türkise Wasser, wofür Nordostsardinien und die Costa Smeralda so bekannt sind. Das Gebiet um Golfo Aranci gilt heute als entspannte Alternative zur überteuerten Costa Smeralda. Es war früher ein Fischerdorf, ist jetzt ein kleiner Hafenort mit Promenade, Bars und Stränden, immer noch viel ruhiger und bodenständiger als Porto Cervo, aber mit ähnlich klarem Wasser.
Wir waren froh um jeden Seemeilenvorsprung, denn der Wind frischte auf.
Sturm abwettern in Golfo Aranci
Die Entscheidung, nach Golfo Aranci zu gehen und nicht «noch schnell irgendwo hübsch zu ankern», war absolut richtig. In der Nacht hat es mit bis zu 35 Knoten geblasen. Am Steg festgemacht zu sein war purer Seelenfrieden.
Donnerstag blieben auch die Nachbarboote am Steg, weil draussen immer noch viel Wind stand – und vor allem kurze, konfuse Welle um die zwei Meter. Alle blieben drin. Bis auf einen.
Ein Schweizer Skipper bestand darauf, mit Familie rauszufahren. Einheimische Skipper haben versucht, ihn umzustimmen. Einer hat sich sogar bekreuzigt, als der Schweizer trotzdem ablegte – aber das machen einige Italiener ja bei jeder Gelegenheit gern. Und jeder Skipper entscheidet am Ende selbst. Adrenalin ist auch ein Lebensstil.
Wir blieben. Und waren froh darum.
Freitag: einmal noch raus – und dann reicht’s
Am Freitagmorgen wollte die Crew trotzdem noch mal kurz raus zum Day Sailing. Verständlich. Wir sind also ausgelaufen. Draussen standen immer noch kurze, nervige, hackige Wellen bis etwa einen Meter. Nach 15 Minuten war das erste Crewmitglied bleich. Wir haben abgedreht.
War absehbar. Aber es war gut, das zu zeigen: Das Meer entscheidet, nicht du.
Auf dem Rückweg Richtung Marina d’Olbia kam dann noch ein Comedy-Moment von der Charterfirma: 15 Minuten vor Ankunft kam eine WhatsApp-Nachricht, wir sollen bitte noch Fotos von Fock und Grosssegel schicken, für den Checkout. Hätten wir das vorher gewusst.
Also: Boot in den Wind drehen, Segel komplett rauf, in der Restwelle balancieren, Fotos machen, wieder bergen, weitermotoren. Letztes Jahr hätte uns so ein Manöver noch Puls 180 gegeben. Dieses Jahr war es… okay. Wir merken, dass wir souveräner werden, koordinierter, ruhiger.
Zurück in die Box
Einfahrt in die Marina, Leinen anlegen, alle Finger noch dran, keine Blessuren, kein Materialschaden. Wieder einmal ein Törn ohne Drama.
Von der Crew ist übrigens niemand über Bord gegangen, keine Dog Overboard Situation, kein Bimini abgerissen. Nur der Verbrauch an Vomex (Reisetabletten gegen Übelkeit) war in dieser Woche auffällig hoch.
Lessons learned
- Sardinien, das Maddalena-Archipel und die Südspitze Korsikas sind ein Traum. Buchten, Felsen, Wasserfarben – schwer zu toppen.
- Mit Hund segeln ist absolut machbar. In Italien sowieso. Italiener sind extrem hundeverliebt. Wir wurden mehrfach gefragt, ob man ein Foto von Bubbles machen darf. Ein Bearded Collie löst emotionalen Ausnahmezustand aus.
- Auf der Fähre war es null Problem, mit Hund zu reisen. Wir haben eine Kabine für Passagiere mit Hund gebucht und durften mit Hund auf mehrere Decks. Das war wirklich eine positive Erfahrung, sehr unkompliziert.
- Auf französischer Seite ist der Ton gegenüber Hund nicht ganz so herzlich. Spaziergang in Bonifacio: Kommentar eines Franzosen an seine Partnerin über unseren Hund – «regarde ce gros chien». Merci, monsieur.
- Mit acht Leuten auf einer 42-Fuss-Lagoon geht es. Aber ehrlicherweise: 45 Fuss wäre entspannter gewesen. Vor allem, wenn zwei Hunde mit an Bord sind, nasse Handtücher rumhängen, irgendjemand versucht zu kochen und gleichzeitig jemand anders nach der letzten kalten Cola sucht.
- Und: Golfo Aranci als Sturmhafen ist Gold wert. Ruhiger als die protzigen Spots der Costa Smeralda, aber mit Infrastruktur, Hafen, Restaurants und Stränden gleich nebenan.
