Kürzlich waren wir auf einem Charterschiff unterwegs, in dessen Ausstattungsbeschreibung die Nespresso-Maschine angepriesen wurde. Cool, dachten wir! Obwohl ein Morgenkaffee aus der Bialetti durchaus seinen Charme hat, ist eine Kapselmaschine tatsächlich praktisch – besonders, wenn acht Leute an Bord sind. Sonst wird sehr schnell ein Crewmitglied zum Barista verdammt, bis alle ihre tägliche Koffeindosis intus haben.
Wenn der Kaffee nur mit Generator läuft
Wie sich herausstellte, war die Maschine tatsächlich vorhanden – aber das Schiff hatte weder grosse Batteriebänke noch einen Inverter. (Ein Inverter wandelt 12 V Gleichstrom in 230 V Wechselstrom um, damit man normale Haushaltsgeräte betreiben kann.)
Das Ergebnis: Jeden Morgen lief in der Bucht unser Generator – nur um Kaffee zu machen. Wer segelt, weiss: Es gibt keinen schnelleren Weg, sich bei den Nachbarn beliebt zu machen, als mit einem röhrenden Geni beim Sonnenaufgang. Ironie off.
Braucht man heute wirklich noch einen Generator?
Hätte unser Charterschiff einen kräftigen Inverter und eine ordentliche Lithium-Batteriebank gehabt, hätten wir die Kaffeemaschine problemlos mit Batteriestrom betreiben können. Aber was ist mit den wirklich grossen Verbrauchern – etwa der Klimaanlage?
Als wir MOJO konfiguriert haben, erklärte uns der Händler, dass Klimaanlagen und andere energiehungrige Geräte nur mit laufendem Generator funktionieren. Wir wollten das nicht glauben – und haben uns tiefer eingelesen. Turns out: Wenn man genug Batterie-Power, einen starken Inverter und ein sogenanntes Soft-Start-Modul hat (das die Stromspitzen beim Einschalten reduziert), kann man eine Klimaanlage sehr wohl direkt mit Batteriestrom betreiben.
Schön und gut, aber wie lädt man die Batterien wieder?
Wenn deine Verbraucher, wie zum Beispiel die Klimaanlage, ständig viel Energie ziehen, muss der Strom irgendwie wieder «aufgefüllt» werden. Naheliegend ist die Solaranlage.
Fountaine Pajot bietet z. B. auflaminierte Solarpanels an, die auf dem Papier 2 000 W leisten. In der Realität werden die Dinger aber heiss, weil sie nicht hinterlüftet sind. Hitze = Leistungsverlust. Zusammen mit Verschattung durch Segel und Aufbauten bleiben im besten Fall noch 500–600 W übrig. Kurzer Reality-Check: Um 30 kWh Batteriekapazität damit zu laden, bräuchte man rund 60 Stunden volle Sonne – also 6–8 Tage.
Deshalb setzen viele Langfahrtsegler (wir auch) auf klassische, hinterlüftete Panels auf einem Geräteträger. Auf MOJO montieren wir sechs Panels à 450 W, also rund 2 700 W Gesamtleistung. Im Mittelmeer erwarten wir daraus etwa 12–13 kWh pro Tag, in der Karibik vielleicht 15 kWh – an einem perfekten, wolkenlosen Tag. Aber was, wenn’s bewölkt ist? Dann liefert die PV-Anlage kaum etwas – und man steht im Dunkeln.
Die Motoren als Stromlieferant
Standardmässig wäre MOJO mit zwei 125 A / 12 V Alternatoren ausgerüstet – zusammen knapp 3 kW. Damit würde das Laden unserer 30 kWh-Batteriebank rund 10 Stunden dauern. Klar, etwas Laufzeit ergibt sich durchs Fahren ohnehin, aber sicher nicht 10 Stunden pro Tag.
Also weitergesucht – und auf Integrel gestossen.
Was ist Integrel?
Normalerweise wird ein Schiffsdieselmotor nur zu einem Bruchteil seiner verfügbaren Leistung genutzt.
Beim gemütlichen Dahingleiten unter Motor laufen die Maschinen meist mit 20–40 % Last. Der Rest der möglichen Energie bleibt ungenutzt – sie verpufft buchstäblich als Abwärme.
Genau hier setzt Integrel an. Das System ersetzt den herkömmlichen Alternator durch eine Hochleistungseinheit, die diese ungenutzte Motorleistung in Strom umwandelt.
Die Entwickler von Integrel haben die Drehmoment- und Leistungscharakteristik verschiedenster Marine-Dieselmotoren in einem Algorithmus abgebildet. Dieser Algorithmus steuert den Generator so, dass die Motoren immer im optimalen Wirkungsgrad laufen – also weder überfordert noch ineffizient unterfordert sind.
Statt Energie zu verschwenden, nutzt Integrel das, was sonst einfach «leer mitläuft».
Während du also den Ankerplatz verlässt oder mit 6 Knoten in die nächste Bucht tuckerst, erzeugen die beiden Integrel-Einheiten auf MOJO parallel Strom – bis zu 9 kW pro Maschine, theoretisch 18 kW insgesamt. Realistisch werden es wohl 12–15 kW sein.
Mit diesem Setup können wir falls nötig unsere 30 kWh-Batteriebank in etwa zwei Stunden vollständig aufladen – ganz ohne separaten Generator.
Kritik und Erfahrungen
Natürlich ist Integrel nicht unumstritten. Es gibt Berichte über Kinderkrankheiten, Installationsprobleme und Yanmar-Garantien, die bei Modifikationen abgelehnt wurden. Integrel bietet dafür aber eine eigene Versicherung an, die solche Fälle abdeckt.
Nutzer, bei denen das System läuft, sind begeistert – und was man überall liest: Der Support scheint hervorragend und lösungsorientiert zu sein. Das ist im Marinebereich schon Gold wert.
Unser Setup und Energiehaushalt
Unser geplanter Tagesverbrauch liegt bei etwa 10–20 kWh – je nach Crewgrösse, Klimaeinsatz, Kochen, Waschen und Föhnen.
Den Grossteil wollen wir mit Solarstrom abdecken. Wenn das Wetter nicht mitspielt oder wir mehr verbrauchen, können wir mit rund einer Stunde Motorlaufzeit unsere Batteriebank um 50 % nachladen.
Damit sollten wir in einem durchschnittlichen Szenario 3–4 Tage autark bleiben können – ganz ohne Generator.
Wir sind gespannt, ob das System in der Praxis hält, was es verspricht, und werden hier (und auf YouTube) berichten, sobald MOJO auf See ist.
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